Warum werden die Menschen weltweit immer dicker?

Aktualisiert am 30. September 2021 von Dr. Jochen G. Opitz

Wissenschaftliche Forschungsarbeiten weisen auf eine epidemieartige Zunahme der Adipositas seit den 1970er-Jahren hin. 1979 war weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung fettleibig (adipös). Beinahe 40 Jahre später hatte sich die Zahl mehr als versechsfacht.1

Heutzutage gelten rund 108 Millionen Kinder und 604 Millionen Erwachsene weltweit als adipös, Tendenz steigend.2

Wann ist man übergewichtig oder fettleibig?

Um das Körpergewicht einzuordnen, wird fast ausschließlich der Body-Mass-Index (BMI) verwendet. Sie können den BMI einfach selbst berechnen, indem Sie Ihr Gewicht (in Kilogramm) durch Ihre Körpergröße (in Metern) teilen und das Ergebnis noch einmal durch die Größe dividieren.

Ärzte und Ernährungswissenschaftler haben sich auf folgende Einteilung geeinigt:

  • Normalgewicht: BMI von 18,5 bis unter 25
  • Übergewicht: BMI von 25 bis unter 30
  • Adipositas Grad 1: BMI von 30 bis unter 35
  • Adipositas Grad 2: BMI von 35 bis unter 40
  • Adipositas Grad 3: BMI von 40 und mehr

Dickmacher und gesunde Lebensmittel

In den letzten fünf Jahrzehnten veränderten sich die Ernährungsgewohnheiten der Menschen dramatisch. Während früher die Mahlzeiten zu Hause gekocht und gemeinsam in der Familie eingenommen wurden, kam allmählich das Essen außer Haus in Mode. Mit Coca Cola & Co traten gleichzeitig zuckerhaltige Getränke ihren Siegeszug um die Welt an.

Um den steigenden Bedarf zu befriedigen, entstand eine Industrie, die vor allem auf verarbeitete Nahrungsmittel setzt. Darüber hinaus nahm die körperliche Aktivität bei Erwachsenen und Kindern kontinuierlich ab.

Aktuelle wissenschaftliche Studien kommen zu folgenden Resultaten:

  • Jüngste Forschungsergebnisse belegen übereinstimmend den Zusammenhang zwischen dem Konsum von hoch verarbeiteten Lebensmitteln und Fettleibigkeit sowie den damit verbundenen Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen.3
  • Die meisten der von uns analysierten Studien konnten einen Zusammenhang zwischen hoch verarbeiteten Esswaren und dem Körperfettanteil im Kindes- und Jugendalter feststellen.4
  • Unsere Ergebnisse bestätigen, dass hoch verarbeitete Nahrung eine wesentliche Rolle bei der Adipositas-Epidemie in Brasilien spielt.5
  • Der Verzehr von hoch verarbeiteten Nahrungsmitteln steht in Zusammenhang mit Fettleibigkeit. Kanadier würden davon profitieren, wenn sie den Konsum von verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken reduzieren und den Verzehr an frisch zubereiteten Speisen erhöhen.6
  • Unsere Resultate unterstützen die mögliche Rolle hoch verarbeiteter Nahrung bei der Entstehung von Fettleibigkeit in Australien.7

Was sind unverarbeitete, verarbeitete und hoch verarbeitete Nahrungsmittel?

Im Jahr 2010 stellte der brasilianische Arzt und Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Carlos A. Monteiro ein neues Klassifizierungssystem für Lebensmittel (NOVA) vor. Nach diesem weltweit anerkannten System lässt sich die Nahrung in vier Gruppen einteilen:8,9

1. Unverarbeitete und minimal verarbeitete Lebensmittel

Dazu zählen sämtliche essbaren Bestandteile von Pflanzen (Früchte, Gemüse, Samen, Blätter, Wurzeln) und Tieren (Fleisch, Innereien, Milch, Eier). Auch frische Pilze sowie Wasser, ungesüßter Tee und Kaffee gehören zu dieser Kategorie. Der minimale Verarbeitungsgrad ist auf Prozesse wie Waschen, Trocknen, Mahlen, Filtern, Rösten, Kochen, Pasteurisieren, Kühlen, Einfrieren oder Vakuumverpacken zurückzuführen.

2. Verarbeitete Kochzutaten

Diese Stufe beinhaltet Pflanzenöle, Butter, Kristallzucker, Salz und Gewürze. Sie werden aus Lebensmitteln der ersten Gruppe durch Pressen, Zerkleinern oder Raffinieren gewonnen, um möglichst lange haltbar zu sein. Zur Verfeinerung des Geschmacks kann man verarbeitete Kochzutaten in kleinen Mengen zu den Nahrungsmitteln der ersten Stufe hinzufügen.

3. Verarbeitete Lebensmittel

Die dritte Gruppe umfasst Konserven mit Obst, Gemüse, Fisch (Thunfisch aus der Dose) sowie Tierprodukte wie Schinken, Speck und Räucherfisch. Frisches Brot, Brötchen und Käse gehören ebenfalls zu den verarbeiteten Esswaren. Alle Produkte dieser Gruppe haben eines gemeinsam: Sie sind aufgrund von Gärungsprozessen, Koch- oder Konservierungsmethoden länger haltbar.

4. Hoch verarbeitete Nahrungsmittel (Ultra-processed foods)

Hoch verarbeitete Nahrung durchläuft mehrere industrielle Verarbeitungsschritte, in denen Bestandteile natürlicher Lebensmittel der Gruppe 1 isoliert und mit verschiedenen Zutaten und Zusatzstoffen neu kombiniert werden. Zu den bekanntesten Beispielen zählen:

  • Fast Food, Fertigmahlzeiten aller Art
  • Fischstäbchen, Tiefkühlpizza, Dosenravioli, Fertigsuppen, Wurstwaren
  • Joghurts und sonstige Desserts
  • Babynahrung
  • kohlensäurehaltige Erfrischungsgetränke (Coca Cola), Energydrinks
  • Chips, Salzstangen und andere salzige oder süße Snacks
  • Süßigkeiten, Schokolade, Eiscreme
  • verpackte Produkte wie Brot, Brötchen, Kekse, Gebäck, Kuchen, Backmischungen
  • Margarine und sonstige Brotaufstriche
  • gesüßte Fertigmüslis

Hoch verarbeitete Nahrungsmittel lassen sich leicht an der langen Liste von Konservierungsstoffen, Farbstoffen, Emulgatoren, Süßungsmitteln und Geschmacksverstärkern erkennen. Sie sind in Form von E-Nummern auf der Verpackung zu finden.

Warum nehmen wir durch den Verzehr von Fast Food und anderer hoch verarbeiteter Nahrung zu?

Eine Forschergruppe des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums (NIH) führte 2019 eine Studie mit 20 Männern im Alter von durchschnittlich 31 Jahren durch, die seit längerer Zeit einen BMI von etwa 27 beibehielten. Somit waren sie leicht übergewichtig.

Nach dem Zufallsprinzip wurden die Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Hälfte bekam zwei Wochen lang hoch verarbeitete Lebensmittel (Fast Food-Gruppe). Sie durften so viel davon essen, wie sie wollten. Die übrigen Studienteilnehmer (Kontrollgruppe) erhielten unverarbeitete Nahrung und konnten ebenfalls nach Herzenslust zugreifen.

Das Ergebnis: Nach 14 Tagen verzeichneten die Probanden der Fast Food-Gruppe eine Gewichtszunahme von 0,6 bis 1,2 Kilogramm. In der Kontrollgruppe hingegen blieb das Körpergewicht konstant.

Als die Wissenschaftler den Kaloriengehalt verglichen, stellten sie Folgendes fest: Studienteilnehmer, die hoch verarbeitete Lebensmittel verzehrten, nahmen täglich über 3.000 Kilokalorien zu sich. In der Kontrollgruppe waren es 400 bis 600 Kilokalorien weniger.10

Warum führten die Probanden aus der Fast Food-Gruppe wesentlich mehr Kalorien zu? Die Studie liefert dafür zwei Gründe. Einerseits ist der Anteil an verwertbaren Fetten und Kohlenhydraten (Zucker) in hoch verarbeiteten Lebensmitteln größer als in naturbelassener Nahrung. Darüber hinaus „verführte“ der Geschmack von Fast Food & Co die Teilnehmer dazu, größere Portionen zu essen.

Der französische Ernährungswissenschaftler Dr. Anthony Fardet erklärt dieses Phänomen folgendermaßen: Je stärker ein Lebensmittel verarbeitet wird, desto geringer ist sein Sättigungspotenzial und desto höher ist umgekehrt die glykämische Reaktion des Körpers.11

Mit anderen Worten setzt bei hoch verarbeiteter Nahrung das Sättigungsgefühl später ein und der Hunger meldet sich schneller zurück als bei minimal verarbeiteten Lebensmitteln. Hinzu kommt, dass Industrieprodukte nur geringe Mengen an Vitaminen und Mineralien enthalten.

Eine Forschergruppe der Universität Paderborn untersuchte im Jahr 2015 die Auswirkungen von hoch verarbeiteten Nahrungsmitteln auf die Gesundheit von Erwachsenen und Kindern in Deutschland. Demnach sind Menschen, die häufig Industrieprodukte verzehren, schlechter mit Folsäure und Kalzium versorgt.12

Bei der Gewichtszunahme spielt nicht nur der Verarbeitungsgrad der Nahrung, sondern auch die Essgeschwindigkeit eine Rolle. Wenn man seine Mahlzeiten schnell herunterschlingt und dabei nur wenig kaut, setzt das Sättigungsgefühl später ein. Mehrere Studien zeigen, dass schnelles Essen das Risiko von Adipositas deutlich erhöht.13

Wie ernährt man sich richtig?

Im Jahr 2014 gab die brasilianische Regierung einen Ernährungsratgeber heraus. Die Grundlage bildet das NOVA-Klassifizierungssystem für Lebensmittel von Professor Monteiro.14

  1. Basis der täglichen Ernährung sind unverarbeitete und minimal verarbeitete Nahrungsmittel der Gruppe 1.
  2. Sämtliche Mahlzeiten können mit Kochzutaten (Gruppe 2) verfeinert werden. Man sollte jedoch so wenig wie möglich verwenden.
  3. Auch verarbeitete Lebensmittel der Gruppe 3 dürfen Sie in begrenzten Mengen mit allen Nahrungsmitteln aus der ersten Gruppe kombinieren.
  4. Den Verzehr von hoch verarbeiteten Lebensmitteln (Gruppe 4) sollten Sie vermeiden.

Ein gutes Beispiel dafür ist die mediterrane Kost, die wir bereits in mehreren Artikeln angesprochen haben. Sie besteht im Wesentlichen aus frischem Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Olivenöl und meerlebenden Fettfischen.

Tipp: Die kostenlose App nutriCARD – gesünder essen bewertet Nahrung nach der Nutri-Score-Ampel. Mithilfe der App können Sie die Barcodes von Produkten vor dem Kauf einscannen und erhalten Angaben über die Nährwerte und die NOVA-Klassifikation.

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Quellen

[1] Jaacks LM et al. The Obesity Transition: Stages of the Global Epidemic. Lancet Diabetes Endocrinol. 2019 Mar;7(3):231-240.

[2] GBD 2015 Obesity Collaborators. Health Effects of Overweight and Obesity in 195 Countries over 25 Years. N Engl J Med. 2017 Jun 12; 377(1): 13–27.

[3] Poti JM et al. Ultra-processed Food Intake and Obesity: What Really Matters for Health-Processing or Nutrient Content? Curr Obes Rep. 2017 Dec;6(4):420-431.

[4] Costa CS et al. Consumption of ultra-processed foods and body fat during childhood and adolescence: a systematic review. Public Health Nutr. 2018 Jan;21(1):148-159.

[5] Louzada MLC et al. Consumption of Ultra-Processed Foods and Obesity in Brazilian Adolescents and Adults. Prev Med. 2015 Dec;81:9-15.

[6] Nardocci M et al. Consumption of ultra-processed foods and obesity in Canada. Can J Public Health. 2019 Feb;110(1):4-14.

[7] Machado PP et al. Ultra-processed food consumption and obesity in the Australian adult population. Nutr Diabetes. 2020 Dec 5;10(1):39.

[8] Monteiro CA et al. A new classification of foods based on the extent and purpose of their processing. Cad Saude Publica. 2010 Nov;26(11):2039-49.

[9] Monteiro CA et al. Ultra-processed foods, diet quality, and health using the NOVA classification system. Food and Agriculture Organization of the United Nations. Rome, 2019.

[10] Hall KD et al. Ultra-processed diets cause excess calorie intake and weight gain: an inpatient randomized controlled trial of ad libitum food intake. Cell Metabolism. 2019;30(1):226.

[11] Fardet A. Minimally processed foods are more satiating and less hyperglycemic than ultra-processed foods: A preliminary study with 98 ready-to-eat foods. Food Funct. 2016;7:2338-2346.

[12] Wie ungesund sind industrielle Lebensmittel wirklich?, auf https://www.spektrum.de

[13] Slyper A. Oral Processing, Satiation and Obesity: Overview and Hypotheses. Diabetes Metab Syndr Obes. 2021 Jul 26;14:3399-3415.

[14] Food-based dietary guidelines – Brazil, auf http://www.fao.org

veröffentlich am:
29. September 2021

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