Morbus Alzheimer – Überblick und konventionelle Therapien

Aktualisiert am 29. September 2021 von Dr. Jochen G. Opitz

Die Alzheimerkrankheit wurde nach dem deutschen Psychiater Dr. Alois Alzheimer benannt, der zum ersten Mal den Fall einer Frau bemerkte, die eine ungewöhnliche Art von Geisteskrankheit mit Symptomen von Demenz und nachlassender motorischer Aktivität und Sprachproblemen hatte.

Nach dem Tod der Frau untersuchte er ihr Gehirn, das abnorme Verklumpungen aufwies, die heute als amyloide Plaques bezeichnet werden. Zurzeit gibt es noch keine ursächliche Behandlung von Morbus Alzheimer. Einige Therapien helfen jedoch, den Abbau der geistigen Fähigkeiten bei den Betroffenen zu verlangsamen.1

Wann ein Arztbesuch notwendig ist

Falls Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis, dem Urteilsvermögen und dem Denken/Verständnis auftreten, sollte man den Hausarzt oder einen Neurologen konsultieren.

Diagnostik bei Morbus Alzheimer

Zunächst erhebt der Arzt die Krankengeschichte und lässt sich die Symptome schildern. Dabei wird sowohl der Betroffene selbst als auch ein Familienangehöriger oder ein enger Freund befragt. Die Diagnose Alzheimer stützt sich zudem auf Tests wie der Mini-Mental-Status-Test, um Gedächtnis und Denkvermögen zu beurteilen.

Blutuntersuchungen und bildgebende Verfahren können andere mögliche Ursachen ausschließen. Hinzu kommen verschiedene körperliche und neurologische Untersuchungen.2

Wichtig zu wissen: Die Alzheimerkrankheit lässt sich erst nach dem Tod mit absoluter Sicherheit diagnostizieren, wenn bei einer Autopsie im Gehirn charakteristische Plaques gefunden werden.

Konventionelle Medizin bei Alzheimer

Weder schulmedizinische noch naturheilkundliche Methoden sind in der Lage, zerstörte Nervenzellen wiederherzustellen. Sämtliche Therapien zielen deshalb darauf ab, den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen und die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.

Die schulmedizinische Behandlung basiert auf zwei Säulen: Medikamente und weitergehende Maßnahmen. In erster Linie kommen sogenannte Antidementia zum Einsatz, die verschiedene Botenstoffe im Gehirn beeinflussen. Dazu zählen Acetylcholinesterasehemmer (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) sowie der Glutamat-Antagonist Memantin.

Studien haben gezeigt, dass Behandlungen mit Donepezil und Memantin die Symptomatik kurzfristig verbesserten. Nach einer Therapiedauer von etwa 9 Monaten verschlechterten sich die kognitiven Fähigkeiten und fielen sogar unter das Ausgangsniveau.3

Bei entsprechenden Vorerkrankungen verschreiben Ärzte zusätzliche Mittel gegen Depressionen, Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte. Die Palette weiterer Anwendungen umfasst Verhaltenstherapie, kognitives Training (Gehirnjogging), Realitätsorientierung, Milieutherapie, Musiktherapie und Ergotherapie.4

Physiotherapie bei der Behandlung von Alzheimer

Eine Physiotherapie kann bei Alzheimer-Patienten sehr hilfreich sein. Die Forschung zeigt Folgendes auf:5

  • Körperliche Übungen verzögern den Ausbruch der Krankheit.
  • Regelmäßige körperliche Aktivität verbessert in vielen Fällen die Gehirnfunktion.
  • Bewegung kann die Beeinträchtigung des Gehirns verringern und dazu beitragen, ein gesundes geistiges Niveau zu erhalten.

Physiotherapeuten können die Patienten dabei unterstützen, ihr Leben leichter und wesentlich gesünder zu führen. Sie sind darin geschult, eine Vielzahl von Lehrmethoden und Techniken zur Therapie einzusetzen:

  • Seh-, Hör- und Tastgesten
  • Spiegeln von Handlungen
  • Zerlegung der Aufgaben in einfache Schritte
  • Hand-über-Hand-Geste, bei der der Therapeut die Hände des Patienten mit seinen eigenen Händen zur Führung bewegt
  • Muskeltraining für gleichmäßiges Gehen
  • Erlernen des Gebrauchs von Hilfsmitteln wie Stock, spezielle Sitzgelegenheiten

Aducanumab – der neue Hoffnungsträger der Schulmedizin

Zum Schluss möchten wir Ihnen noch den neuesten schulmedizinischen Behandlungsansatz vorstellen. Im Juni 2021 erteilte die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) eine beschleunigte Zulassung für den monoklonalen Antikörper Aducanumab (Aduhelm™) zur Behandlung der Alzheimerkrankheit.6

Mit dem Begriff monoklonale Antikörper bezeichnen Biochemiker Proteine (Eiweiße), die von einer einzigen Zelle (B-Lymphozyt) des Immunsystems abstammen und sich gegen ein bestimmtes Zielmolekül richten. Im Fall von Aducanumab sind das die Beta-Amyloide, die sich bei Alzheimer-Patienten in Form von Plaques im Gehirn ablagern. In Tierversuchen mit transgenen Mäusen konnte die US-Firma Biogen zeigen, dass Aducanumab die Anzahl der Beta-Amyloide dosisabhängig reduziert.7

Mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (Amyloid-PET) wiesen Wissenschaftler den gleichen Effekt auch bei Alzheimer-Patienten nach. Dies genügte der FDA, um Aduhelm™ als neues Medikament gegen Morbus Alzheimer zuzulassen.8

Die schnelle Zulassung ist umso erstaunlicher, da die Wirksamkeit des Mittels in den beiden klinischen Studien der Phase III nicht nachgewiesen wurde. Zu diesem Schluss kamen amerikanische Wissenschaftler der Mayo Clinic und der Stanford University, nachdem sie das vorliegende Datenmaterial analysiert hatten.9

Mit anderen Worten verhindert Aducanumab offenbar gar nicht den fortschreitenden Verlust der kognitiven Fähigkeiten, sondern baut lediglich die Amyloid-Plaques im Gehirn der Betroffenen ab. Wer die Ergebnisse der Nonnenstudie kennt, die wir im 1. Teil der Artikelreihe über Demenz und Alzheimer im Rahmen der Entzündungstheorie diskutierten, wundert sich darüber nicht.

Sie zeigen nämlich, dass die beobachteten Plaques nichts mit der Verminderung der Gedächtnis- und Hirnleistung zu tun haben. Somit könnte sich der neue Hoffnungsträger in Sachen Alzheimer als riesiger Flop erweisen.

Das Medikament ist bisher ausschließlich in den USA zugelassen und daher auch nur dort erhältlich. Nach Angaben des Handelsblatts kostet die Therapie mit Aduhelm™ 56.000 Dollar im Jahr.10

Ob die Kosten jemals von den gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland bezahlt werden, steht in den Sternen.


Weiterführende Artikel zu Morbus Alzheimer und Demenz

Informationen von anerkannten Gesundheitsexperten zu Symptomen, Therapien, Vitaminen, Mineralien, Heilkräutern, ÁYIO-Q Wasserkur und ÁYIO-Q Atemtherapie.


Quellen:

[1] This is How Alzheimer’s Disease Got Its Name, auf https://time.com

[2] Alzheimer’s disease, auf https://www.mayoclinic.org

[3] Shi J et al. Adding Chinese herbal medicine to conventional therapy brings cognitive benefits to patients with Alzheimer’s disease: a retrospective analysis. BMC Complementary and Alternative Medicine. 2017;17:533

[4] Demenz, auf https://www.netdoktor.de

[5] Physiotherapy works: dementia care, auf https://www.csp.org.uk

[6] FDA Grants Accelerated Approval for Alzheimer’s Drug, auf https://www.fda.gov

[7] Sevigny J et al. The antibody aducanumab reduces Aβ plaques in Alzheimer’s disease. Nature. 2016 Sep 1;537(7618):50-6.

[8] Umstrittene US-Zulassung für ersten Antikörper bei Alzheimer, auf https://www.pharmazeutische-zeitung.de

[9] Knopman DS et al. Failure to demonstrate efficacy of aducanumab: An analysis of the EMERGE and ENGAGE trials as reported by Biogen, December 2019. Alzheimers Dement. 2021 Apr;17(4):696-701.

[10] US-Aufsicht lässt umstrittenes Alzheimer-Medikament zu – Biogen-Aktie steigt um bis zu 60 Prozent, auf https://www.handelsblatt.com

veröffentlich am:
20. September 2021

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