Hypothyreose, Hyperthyreose, Hashimoto – psychische Aspekte

Aktualisiert am 2. Oktober 2021 von Dr. Jochen G. Opitz

Seit Langem wissen wir, dass Hormone einen starken Einfluss auf den menschlichen Geist (Psyche) haben. Unter anderem sind Hormonumstellungen in der Pubertät, Schwangerschaft oder Menopause oft mit psychischen Veränderungen bis hin zu Stimmungsschwankungen, Angst oder Depressionen verbunden.1

Im letzten Teil der Artikelreihe über Hyperthyreose, Hypothyreose und Hashimoto beschäftigen wir uns mit den Auswirkungen der Schilddrüsenhormone Trijodthyronin (T3) und Tetrajodthyronin (T4) auf unsere Psyche.

Die lebenserhaltende Kraft des Stoffwechsels

Der Stoffwechsel ist die treibende Kraft in unserem Organismus. Einerseits wandelt er alle Nährstoffe um, die unsere Zellen zum Aufbau und Wachstum benötigen (anaboler Stoffwechsel). Darüber hinaus stellt er die Energie für sämtliche Prozesse des Lebens bereit (kataboler Stoffwechsel). Bei einem gesunden Menschen besteht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem anabolen und dem katabolen Stoffwechsel.2

An der Stoffwechselregulation sind vier Hormone beteiligt: Somatotropin und anabole Peptide auf der anabolen Seite; Cortisol sowie die Schilddrüsenhormone T3 und T4 auf der katabolen Seite. Dieses Konzept trägt die Bezeichnung Basisregulation. Es wurde erstmals im Jahr 1985 von Professor Dr. Jürgen Schole und Dr. Wolfgang Lutz veröffentlicht. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass eine Regulation des Stoffwechsels nur dann möglich ist, wenn ausreichende Mengen aller vier Hormone in unseren Körperzellen vorliegen.3

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion überwiegt der katabole Energiestoffwechsel, während bei einer Schilddrüsenunterfunktion das Gleichgewicht auf die anabole Seite in Richtung Aufbau und Speicherung verschoben wird.

Kann übermäßiger Stress Schilddrüsenerkrankungen nach sich ziehen?

Im Laufe der Evolution hat sich Stress als vorteilhaft erwiesen, denn er sichert unser Überleben. Bei Gefahr beschleunigt sich der Herzschlag, die Pupillen werden größer und die Muskulatur spannt sich an. Diese Prozesse laufen instinktiv ab und lassen sich nicht durch unseren Willen beeinflussen.

Während in früheren Zeiten Stressreaktionen durch schwere Arbeit, feindliche Angriffe, Kälte oder Hunger ausgelöst wurden, sieht die Situation heutzutage vollkommen anders aus. Aufgrund von Reizüberflutungen, Leistungsdruck, Zeitmangel sowie häufigen Konflikten im beruflichen und privaten Umfeld befinden sich viele Menschen in einem Dauerstress.4

Der Körper schüttet permanent Stresshormone wie Cortisol und die Schilddrüsenhormone T3 und T4 aus, sodass eine katabole Stoffwechsellage überwiegt. Als Folge der chronischen Überlastung nimmt die Leistungsfähigkeit der Schilddrüse ab.

Wissenschaftler vermuten seit Jahren einen Zusammenhang zwischen Stress und Schilddrüsenerkrankungen. Vor allem die Entstehung von Hyperthyreose und Hashimoto-Thyreoiditis scheint durch übermäßigen Stress begünstigt zu werden.5

In einer Tierstudie aus dem Jahr 2018 wiesen chinesische Forscher erstmals die Auswirkungen von chronischem Stress auf die Schilddrüse nach: Ein 10-tägiger ununterbrochener Stress führte bei den untersuchten Nagetieren zu einer deutlichen Verringerung von T3 und T4 im Blut.6

Wie hängen Hyperthyreose, Hypothyreose und Hashimoto-Thyreoiditis mit Angst und Depressionen zusammen?

Manchmal stehen bei Schilddrüsenerkrankungen die psychischen Symptome im Vordergrund. Dann kommt es vor, dass die zugrunde liegende Schilddrüsenfunktionsstörung übersehen und stattdessen eine Depression diagnostiziert wird. Wenn psychische Auffälligkeiten vorliegen, sollte der Hausarzt immer zusätzlich die Laborwerte der Schilddrüsenhormone ermitteln.7

Wissenschaftler der Universität Greifswald führten 2015 eine klinische Studie mit 2142 Teilnehmern durch und kamen zu folgendem Schluss: „Unsere Ergebnisse belegen, dass eine diagnostizierte unbehandelte Hypothyreose mit Depressionen und Angstzuständen und eine diagnostizierte unbehandelte Hyperthyreose mit Depressionen zusammenhängen.“8

Ähnlich verhält es sich mit der Hashimoto-Thyreoiditis. Wie eine aktuelle Metaanalyse belegt, weisen Hashimoto-Patienten ein erhöhtes Risiko auf, Symptome von Depressionen und Angstzuständen zu entwickeln.9

Laut eines Forschungsteams aus Nepal sollte deshalb die Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen auch eine Therapie von Angstzuständen und Depressionen einschließen.10

Wie ein 97-Jähriger trotz Hypothyreose und Prostatakrebs mit der Kraft seines Geistes sportliche Höchstleistungen vollbringt

Eine Studie aus dem Jahr 2006 zeigt, welche unglaubliche Macht der menschliche Geist über den Körper hat. Gegenstand der Forschung war ein 97-jähriger Mann, der an hormonellen Funktionsstörungen der Keimdrüsen (Hypogonadismus), Prostatakrebs, Thrombose sowie einer Unterfunktion der Schilddrüse leidet. Trotz seiner schweren Vorerkrankungen fährt er mit dem Fahrrad rund 5.000 Kilometer im Jahr und ist auch geistig wesentlich fitter als viele Männer im mittleren Alter.

Wie kann jemand mit einem gestörten Hormonstatus und einer Krebserkrankung in diesem Alter sportliche Höchstleistungen vollbringen? Wissenschaftler der Universität Schanghai gingen dieser Frage nach und untersuchten den Mann gründlich. Eine schlüssige Erklärung für die enorme Leistungsfähigkeit fanden sie nicht und führten das Phänomen auf den aktiven Lebensstil, ein gesundes Mikrobiom im Darm sowie die umfangreichen sozialen Kontakte zurück.11

Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass der 97-Jährige an sich und seine Leistungsfähigkeit glaubt. Dadurch gelingt es ihm, einen Placeboeffekt auszulösen, der wiederum die Schilddrüse und den Stoffwechsel beeinflusst.

Was bedeutet das für Sie? Positive Emotionen wie Lebensbejahung, Zufriedenheit und Glücksgefühle erhöhen Ihr Gesundheitspotenzial. Wer hingegen an seiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit zweifelt, verschlechtert dadurch auch die Ausgangssituation für die Schilddrüse.

Aus diesem Grund ist es wichtig, Eigenverantwortung zu übernehmen. Wenn Sie vorhandene Angststörungen, Depressionen und Stress in den Griff bekommen, steigt dadurch auch die Heilungswahrscheinlichkeit von Hypothyreose, Hyperthyreose oder Hashimoto-Thyreoiditis.


Weiterführende Artikel zu Hypothyreose, Hyperthyreose und Hashimoto-Thyreoiditis

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Quellen

[1] Hormone und Psyche, auf https://www.jens-keisinger.de

[2] Ursinus L. Der Stoffwechsel – Die treibende und lebenserhaltende Kraft des Körpers. Paracelsus Magazin: Ausgabe 4/2018

[3] Regulation des Zellstoffwechsels in Diagnostik und Therapie chronischer Erkrankungen, auf https://docplayer.org

[4] Stress, auf https://www.internisten-im-netz.de

[5] Stress und Schilddrüse, auf https://www.forum-schilddruese.de

[6] Zhang J et al. Thyroid Dysfunction, Neurological Disorder and Immunosuppression as the Consequences of Long-term Combined Stress. Sci Rep. 2018 Mar 14;8(1):4552.

[7] Die Schilddrüse kann die Seele krank machen, auf https://biosyn.de

[8] Ittermann T et al. Diagnosed thyroid disorders are associated with depression and anxiety. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol. 2015 Sep;50(9):1417-25.

[9] Siegmann EM et al. Association of Depression and Anxiety Disorders With Autoimmune Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Psychiatry. 2018 Jun 1;75(6):577-584.

[10] Gorkhali B et al. Anxiety and Depression among Patients with Thyroid Function Disorders. J Nepal Health Res Counc. 2020 Nov 13;18(3):373-378.

[11] Cheng S et al. What Makes a 97-Year-Old Man Cycle 5,000 km a Year? Gerontology 2016;62(5):508-12.

veröffentlich am:
17. September 2021

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